www.meltonpriorinstitut.org - 28.06.2008



Thomas Nast: «Dead Men´s Clothes Soon Wear Out»

Alexander Roob

Bei der Zeichnung von Thomas Nast, Teil eines größeren Konvoluts von insgesamt vierzehn Skizzen des Künstlers im Bestand des MePri, handelt es sich um eine sehr präzise Vorstudie zu einem seiner bekanntesten politischen Cartoons. Der Holzstich, der nach dieser 18 x 22,5 cm großen Skizze angefertigt worden ist, füllte am 10.September 1870 eine großformatige Doppelseite in “Harpers Weekly“, der meist verbreiteten amerikanischen Illustrierten der Zeit. Nast arbeitete seit Beginn des Sezessionskriegs für dieses Blatt und zwar mit sensationellem Erfolg: Kein Zeichner war mit seinen grafischen Kampagnen politisch je einflussreicher als dieser aus Landau in der Pfalz stammende Cartoonist, weder ein James Gillray, noch ein Honoré Daumier. Seine Feder war in der Lage gewesen korrupte Politiker hinter Gitter zu bringen und vermochte es über Sturz oder Triumph einer Reihe von Präsidenten zu entscheiden. 
Thomas Nast: Dead Men's Clothes Soon Wear Out, 1870

Das Subjekt dieser Zeichnung, der französische Kaiser Louis Napoléon, seines Zeichens Neffe des korsischen Imperators, der sich seit seinem Putsch 1852 zur Unterstreichung dynastischer Kontinuität Napoléon III. genannt hatte, ist die vielleicht zwiespältigste, sicherlich best vergessene europäische Herrschergestalt des 19ten Jahrhunderts. Neben Bismarck, seinem preußischen Widersacher, war sein Kopf der meist Porträtierte und Karikierte in einem an Ikonen der Macht überreichen Jahrhundert. Sein 200. Geburtstag, der sich im April diesen Jahres gejährt hat, hat ihn durch eine Reihe von Ausstellungen und Publikationen erneut in den Fokus des historischen und kunsthistorischen Interesses gerückt. 
Nast blendet diesen neuen Napoleon, der sich zur Zeit der Entstehung der Zeichnung nach verlorenem Krieg gerade in Kassel in preußischer Festungshaft befand, in die Darstellung einer schmachvollen Niederlage seines Onkels ein, in das berühmte Gemälde „Napoléon à Fontainebleau “ von Paul Delarouche. Dieses zeigt den ersten Napoleon in einem seiner schwärzesten Stunden, als er im März 1814 angesichts der drohenden Gefangennahme durch die Alliierten mit Selbstmordabsichten in sich zusammen gesunken war. Die Idee, dieses Gemälde von Delaroche in der gegebenen historischen Situation zur reaktivieren, es quasi „nachzubessern“ („touched up by T. Nast“ lautet eine der Inschriften auf der Zeichnung) ist ebenso simpel wie effektiv. 
Seit Gillrays Zeiten war die Bezugnahme auf bekannte Darstellungen der Historienmalerei eines der geläufigsten Verfahren des politischen Cartooning. Nast hatte es neben seinem gleichaltrigen französischen Kollegen André Gill zu einer Meisterschaft in ikonographischen Referentialismus gebracht. Sein emblematisches Netz , das sich auf einen reichen Schatz an bildungsbürgerlichen Kenntnissen auch literaturhistorischer und mythologischer Art berufen konnte, war von Mal zu Mal engmaschiger gewoben und ersparte ihm trotz seiner publikumswirksamen drastischen Bildeinfälle nicht zunehmende Vorwürfe einer hermetischen Kryptik. 
Der vorliegende Cartoon gehört allerdings zu Nasts leichter verständlichen Arbeiten: Die verschlissenen Kleider des Verstorbenen werden sich bald ausgetragen haben und der bonapartistische Wiederholungszwang damit ein Ende haben. In der europäischen Presse war der preußisch-französische Krieg selbstverständlich das dominierende Thema der Zeit. Die scharfsinnigsten Analysen und graphischen Kommentare zu der sich dadurch abzeichnenden fundamentalen Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse auf der europäischen Bühne kamen allerdings nicht von dort, sondern aus der wenig beachteten transatlantischen Perspektive. 1
Dabei könnte man meinen, die amerikanische Presse wäre zu Zeiten der äußerst schwierigen Phase der Reconstruction viel zu sehr mit nationalen Problemen befasst gewesen, um ein besonders scharfes Auge auf die Verhältnisse jenseits des großen Teichs werfen zu können. Tonangebend in dieser Angelegenheit war die Stimme von Thomas Nast, dessen Herkunft aus dem deutsch-französischen Grenzgebiet alleine schon eine besondere Betroffenheit und intime Kenntnisse der Hintergründe des Konflikts verrieten. Seine Parteinahme für die deutsche Seite stieß bei einem Grossteil der amerikanischen Bevölkerung auf Zustimmung, hatte sich in deren Augen doch Louis Napoleon bei seiner Mexikanischen Intervention erst kürzlich durch eine listige Ausnutzung der außenpolitischen Handlungsunfähigkeit der amerikanischen Union während des Bürgerkriegs in die Rolle eines verschlagenen Schurken begeben. 
In Nasts Euphorie über die Entstehung einer dominanten deutschen Ordnungsmacht im Herzen Europas, die er als potentiellen Garanten eines säkularistischen Liberalismus sah, mischte sich jedoch nach kurzer Zeit bereits die Furcht vor einer gesteigerten Hybris des neugebackenen Großreichs ein. Wenige Tage nach dem Vorfrieden von Versailles, in dem dieses preußische Imperium dem besiegten Frankreich seine demütigenden Kapitulationsbedingungen diktiert hatte, erschien in „Harpers Weekly“ eine Fortsetzung der Delaroche - Nachbesserung. Nast stellt hier nicht nur vor, wie das neue deutsche Kaisertum das alte Französische völlig in den Schatten stellt, sondern malt in prophetischer Weitsicht auch eine Überbietung des napoleonischen Scheiterns als Menetekel an die Wand. 

Napoleon III Slideshow  (5 Abbildungen)

Das mediale Interesse am deutsch-französischen Konflikt, das durch Nast´s Bildfolgen mit entfacht worden war, fungierte gleichzeitig als Katalysator für die Entwicklung der satirischen Presse in Amerika. In der gleichen Woche, als Nast´s Delaroche - Fortsetzung in New York herauskam, erschien in St. Louis die Startausgabe des „Puck“, des ersten erfolgreichen Satire-Magazins der neuen Welt. Sein Begründer, der aus Wien stammende Pantomime und Karikaturist Joseph Keppler entwickelte den typischen Puck-Stil in unmittelbarer Anlehnung an sein großes Vorbild Thomas Nast. Die ersten deutschsprachigen Ausgaben zielten noch ausschließlich auf die begrenzten Immigrantengemeinden, doch schon bald erweiterte sich der Bezugskreis durch englischsprachige Parallelausgaben. Jahrzehntelang dominierte das „Puck“ –Magazin das bildsatirische Marktsegment in Amerika, bis es 1881 im “Judge“ - Magazin durch eine redaktionelle Abspaltung eine hausgemachte Konkurrenz erhielt. 
Die mehrheitlich aus deutschstämmigen Zeichnern und Autoren bestehenden Redaktionen beider Magazine leisteten über Jahrzehnte das, was die unter dem nationalistischen Diktat der Bismarckzeit arbeitende Satirepresse des deutschen Kaiserreichs nicht vermochte: eine kritische Beleuchtung der spätfeudalistischen Herrschaftsstrukturen des Wilhelminischen Reichs und des daraus resultierenden utopistischen Größenrauschs. 

Deutsches Reich Slideshow (5 Abbildungen)

 




1 In der Publikation „The Fight at Dame Europa´s School: Showing how the German boy thrashed the French boy and How the English boy looked on“, die Anfang 1871 in riesiger Auflage in New York erschien, klärte Nast seine Landsleute über die Hintergründe und die Entwicklung des Kriegs im Bild einer Schulhofkeilerei auf.