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Von Marx nach Ensor. Der Revolutionsmaler Wilhelm Kleinenbroich (1812 - 95)

Alexander Roob

Man kann wahrlich nicht behaupten, daß sich das Kölnische Stadtmuseum zu wenig um einen seiner bedeutendsten künstlerischen Schätze, das Werk des rheinländischen Historienmalers und Grafikers Wilhelm Kleinenbroich (1812 - 95) kümmert; im Gegenteil. 1999 brachte man dort die brillante Monografie Die Revolution des Malers Kleinenbroich des Bonner Historikers Horst Heidermann heraus. Dem war damit das rare Meisterstück gelungen, einen ignorierten Künstler durch akribische Recherche - und Puzzlearbeit in seiner überraschenden Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten kenntlich gemacht zu haben, und das bei einer prekären Quellenlage und obgleich sich zudem nur ein relativ geringer Teil seines Werks erhalten hat. Von zukünftigen Forschungsarbeiten wird Heidermanns Monografie nach dem Verlust der relevanten Materialien im Kölner Stadtarchiv wohl kaum mehr eingeholt werden können.

Wilhelm Kleinenbroich: Die Erhebung der Schlacht - und Mahlsteuer an einem Kölner Stadttor, 1847 (Kölnisches Stadtmuseum, Leihgabe des Wallraf- Richartz- Museum)

Bekannt waren vormals nur einige wenige Gemälde des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Künstlers, der zuerst Dekorationsmaler war und sich dann eine kurze Zeit auf der Düsseldorfer Kunstakademie, vermutlich als Privatschüler in einem freien Atelier von Carl Friedrich Lessing, fortbilden konnte. Sein Bild Recruten vor der Schenke (1843), in der er die preußische Zensur attackiert, sowie die sozialkritische Darstellung Die Erhebung der Schlacht - und Mahlsteuer (1847) und das Genregemälde Der Proletarier (1845) zählen neben Arbeiten von Johann Peter Hasenclever, Peter Schwingen und Carl Wilhelm Hübner schon lange zu den Hauptwerken frühsozialistischer Kunst des Vormärz. Doch erst auf Grund von Heidermanns Publikation wurde klar, daß Kleinenbroich auch einer der eigensinnigsten Grafiker seiner Zeit war, darüber hinaus ein viel gefragter Porträt- und Panoramenmaler und Gestalter des von Franz Raveaux initiierten politischen Karnevals, sowie ein Spezialist für zeitkritische Tableaux vivants, die er bevorzugt nach Vorlagen von Pressegrafiken der Leipziger Illustrirte einrichtete.

Wilhelm Kleinenbroich: Der Proletarier, 1845 (Stiftung Volmer, Wuppertal)

Nun hat das Stadtmuseum zwölf Jahre nach der Herausgabe dieser Monografie zum 200. Geburtstag des Künstlers eine Werkschau nachfolgen lassen, die zwar nicht umfassend genannt werden kann, die die Arbeit des Künstlers jedoch in allen überlieferten Werkphasen dokumentiert. Dass der Kontext eines stadtgeschichtlichen Museums nicht unbedingt der geeignetste Ort zur Präsentation eines künstlerisch so ausserordentlichen Werkes ist, zeigt sich an den Bemühungen der Kuratoren, die Ausstellung durch Applikationen zeitgeschichtlicher Materialien kulturhistorisch aufzupeppen. Die Konfrontation von Kleinenbroichs Aquarellen mit einer Schau zur Geschichte der deutschen Nationalflagge erhellt unter dem Stichwort Revolution! ...Dekoration... Köln im 19. Jahrhundert  ganz wenig, stört allerdings die Konzentration auf die Werke ungemein.

Wilhelm Kleinenbroich: Die Barrikade am Altermarkt, undatiert (Kölnisches Stadtmuseum)

Wilhelm Kleinenbroich: Aquarellierte Tuschzeichnung, undatiert (Kölnisches Stadtmuseum)

Wilhelm Kleinenbroich: Aquarellierte Tuschzeichnung, undatiert (Kölnisches Stadtmuseum)

Dabei ist die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts an solch eigenwilligen Positionen wahrlich nicht reich. Gerade in der deutschen 48-er Generation sind abgebrochene und künstlerisch unausgegorene Werkverläufe die Regel. Man vergißt oft, daß die preußische Reaktion damals nicht nur einen ganz verheerenden Schwund an progressiven Kräften im politischen Bereich, sondern eben auch im Kulturellen zur Folge hatte. Umso gewichtiger nimmt sich der aus 55 Blättern bestehende  Aquarellzyklus aus (einige von ihnen haben sich nur in der Form von Fotografien überliefert), in dem der Künstler vermutlich in betagtem Alter die Revolutionsereignisse in Köln Revue passieren ließ. Die Blätter weisen in ihrer überbordenden Fantastik und in ihrer malerischen Heftigkeit bereits auf einen James Ensor voraus. Schon die frühen Malereien von Kleinenbroich, der im Kollegenkreis den Spitznamen "Tizian" trug, waren durch ihr herausforderndes Kolorit aufgefallen. In den späten Aquarellen hatte er den Drang zu einem flüssigeren malerischen Duktus und einer grellen Farbigkeit dann auf eine beispiellose Weise zur Entfesselung gebracht.

Wilhelm Kleinenbroich: Durcheinander # 5, 28.1.1849 (Kölnisches Stadtmuseum)

Sein außerordentlicher Erfindungsreichtum kommt auch in dem lithografierten Karikaturzyklus Durcheinander zum Ausdruck, den er 1848 und 1849  in dreizehn Folgen publizierte. Keiner seiner Kollegen aus dem Umfeld der Düsseldorfer Malerschule, die sich zur gleichen Zeit in den viel beachteten Düsseldorfer Monatsheften in politischer Karikatur übten, ist zu vergleichbar brillanten Ergebnissen gekommen. Ein stilkritischer Vergleich dieser emblematischen Arbeiten mit der wohl bekanntesten frühkommunistischen Ikone, dem neuen Prometheus, einer 1842 erschienenen Allegorie auf die Zensurmaßnahmen gegen die von Karl Marx herausgebrachte Rheinische Zeitung, kann die Vermutung von Horst Heidermann nur bestärken, dass es sich bei dem anonymen Autor aller Wahrscheinlichkeit nach um den jungen Wilhelm Kleinenbroich gehandelt hat. (Heidermann untermauert diese Spekulation in seinem Buch mit einer sich auf über fünf Seiten erstreckenden Argumentationskette auf bestechende Weise.)

Wilhelm Kleinenbroich: Der neue Prometheus, Düsseldorf, 1842 (Museum Karl-Marx-Haus, Trier) (Möglicherweise handelt es sich bei dem bärtigen Titanen um eine idealisierte Darstellung des verantwortlichen Chefredakteurs der Rheinischen Zeitung, Karl Marx)

Dabei war der Künstler in der Folgezeit durchaus kein Parteigänger von Marx. Als dieser im September 1848 das Steuer des Kölner Arbeiter-Vereins, den Kleinenbroich mit begründet hatte, an sich gerissen hatte, kehrte der Maler dem sozialreformerischen Bildungsverein prompt den Rücken. Mit dem Sieg der preußischen Konterrevolution blieben dem populären Künstler die Pforten der Kunstinstitutionen verschlossen, selbst die des von ihm mit begründeten Kölnischen Kunstvereins. Auch Ideen zu einer posthumen Gedächtnisausstellung waren im reaktionären Kaiserreich nicht zu realisieren. Heute würde man sich eine Ausstellung wünschen, die die Exzellenz von Kleinenbroichs Werk angemessen zu würdigen weiß und die damit in der Lage wäre, den nicht nur in politischer Hinsicht revolutionären Künstler über den Dunstkreis einer rheinländischen Regionalliga zu erheben. (A.R.)

Die Ausstellung läuft noch bis zum bis 14.09.2012 im Kölnischen Stadtmuseum