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Das leere Bild als Waffe. Die Anti- Zensur Kampagne des Charles Gilbert-Martin

Alexander Roob

Charles Gilbert - Martin  zählte neben  André Gill, Alfred Le Petit und Thomas Nast zu den Protagonisten der zweiten Welle der Karikaturbewegung.  Es waren nicht so sehr die grafische Brillanz und der enorme Ideenreichtum ihrer Arbeiten, als vielmehr die zermürbenden Kampagnen und geschickten Winkelzüge, mit denen sie ihre mächtigen politischen Gegner, zumeist verhasste Zensoren und korrupte Politiker, bloßstellten und nicht selten in die Knie zwangen, die ihnen zu einer im künstlerischen Feld beispiellosen Popularität verholfen hatte; eine Bekanntheit, die in offenem Widerspruch zu  der Kryptik ihrer Bildsprache zu stehen scheint. Die Hermetik ihres Vokabulars lässt sich nur teilweise aus der Notwendigkeit erklären, auf Zensurmaßnahmen durch Chiffrierungstechniken reagieren zu müssen. Schon längst hatten sich die künstlerischen Guerilla-Praktiken, mit denen Charles Philipons La Caricature-Truppe auf die Repressionen der Julimonarchie reagiert hatte, zu einer autonomen künstlerischen Spielform ausdifferenziert, die auf virtuose Weise den aufgeblähten Illusionismus  der Salonkunst durch überspitzte Literarisierung auszuhebeln suchte.  Es war dies eine gänzlich unprogrammatische Bewegung, die jedoch durchaus im Zusammenhang mit den zeitgleichen künstlerischen Strategien der Impressionisten  zu sehen ist. 1

>Slideshow: Le Don Quichotte (MePriCollection)

Gilbert-Martin hatte bereits etliche bittere Erfahrungen mit den Pariser Zensoren des zweiten Kaiserreichs hinter sich - Inhaftierungen und empfindliche Geldbussen - als er 1874 in Bordeaux die Karikaturzeitung Le Don Quichotte gründete. Dank seiner überragenden Titelbilder wuchs sich das Blatt schnell zu einem der meist verbreiteten Karikaturmagazine der Zeit aus. Auch die Dritte Republik unter dem Präsidium des monarchistisch gesinnten Grafen de Mac -Mahon bot den spitzen Crayons der Karikaturszene eine breite Angriffsfläche. Und Gilbert -Martin bescherte der alte Mac-Mahon, der als Schlächter der Pariser Kommune in die Annalen der Geschichte eingegangen ist, einen lokalen Präfekten namens  Jacques de Tracy, der den republikanischen Don Quichotte  mit andauernder Verfolgung und Zensurmaßnahmen tot zu schikanieren suchte. Das Verbot der Juli-Ausgabe No. 159 beantwortete Gilbert-Martin mit der Ankündigung, er werde so lange keine Karikaturbilder mehr abdrucken, bis De Tracy aus dem Amt sei.



Le Don Quichotte No. 160, 13.07.1877:  „Rendez Le Cadre!!!“ (Geben Sie das Bild zurück!!!)

Philipon hatte auf Karikaturverbote bereits in den 1830er Jahren mit blanken Bildseiten und typographischen Abstraktionen geantwortet. Die Maßnahme eines Bilderstreiks, die Gilbert- Martin nun ergriffen hatte, um einen Zensor in die Knie zu zwingen und die sofort in ganz Frankreich publik wurde, war jedoch eine Premiere und die Serie der karikaturlosen Titelblätter, die den Don Quichotte in den folgenden vier Monaten zierten, war beispiellos. Dem karikaturhungrigen Publikum war das Bild entzogen und ein gewisser Jacques de Tracy war verantwortlich dafür. Statt der gewohnten  grotesken Prominentenköpfe bekam der Leser nun eine Diät aus reiner Farbe, trockner Typographie und  schlichtem Ornament verabreicht. Der Entzug wurde allerdings mehr als reichlich kompensiert durch die aufregende Zeugenschaft an dem Ringen  zwischen Don Quichotte und seinem Zensor. Jede neue Ausgabe war das Dokument eines weiteren Schlagabtauschs in diesem ungleichen Kampf und die Auflagen schnellten in die Höhe: „Hunderte von erwartungsfrohen Käufern warteten auf die neueste Ausgabe, in langen Schlangen aufgereiht vor den Türen der Buchhändler, die sich darinnen mit Tischen verschanzten, um nicht  von dem Ansturm überschwemmt zu werden. Die Leute kauften das Journal  gleich packenweise zu 10 oder 20 Stück. In weniger als einer Viertelstunde, nachdem der Verkauf begonnen hatte, begann die Polizei das Journal zu konfiszieren, die Käufer auseinander zu treiben, sie durch die Strassen zu jagen um ihnen die Beute aus den Händen zu reissen.“ 2



Le Don Quichotte No. 161, 20.07.1877:  Cadre d´Honneur

Le Don Quichotte No. 162, 27.07. 1877:  Bouquet de la Saint-Jacques

Le Don Quichotte No. 164, 10.08.1877: Voici le Cadre!!! (Hier ist das Bild!!!)
   
Zentrales Thema der Karikaturstreik- Ausgaben war  der leere Bilderrahmen, das fehlende Bild (Le Cadre) und die Person des Zensors, der nun ganz unverhohlen angegriffen wurde in den Texten, die den  leeren Rahmen füllten. Durch die weitgehende Absenz von Abbildung konnten die in Sprache gefassten Polemiken ihre Macht umso wirkungsvoller entfalten. Und da es sich bei dieser konkreten Art von Illustration nicht länger um Zeichnungen handelte, mussten diese Titelbilder den Buchstaben des Pressegesetzes zufolge vor dem Abdruck auch keiner Vorzensur vorgelegt werden. Trotzdem wurde Gilbert-Martin mit einer ganzen Serie von Anklagen  überzogen, von denen viele jedoch mit Freisprüchen oder gemäßigten Geldbussen endeten. In der  Ausgabe No. 166  vom 24. August 1877 konnte Gilbert-Martin dann bereits einen Etappensieg vermelden: „ Jeder kennt mittlerweile Le Cadre und das Bilderrätsel. Man spricht nicht mehr über Herrn de Tracy ohne gleichzeitig den Don Quichotte zu erwähnen“.  Eine Ausgabe später, in No. 167 kam dann die Nachricht vom entscheidenden Treffer, der dem Präfekten zum Verhängnis werden sollte und schließlich in den Oktoberwahlen zu seiner endgültigen Demontage führen sollte: Gilbert - Martin hatte in einem der Pakete, die an seinen Pariser Korrespondenten gerichtet waren und die üblicherweise  Verkaufsexemplare des Don Quichotte enthielten, unter notarieller Aufsicht ein Einlaufgerät verschickt, eine so genannte Klysopumpe, sowie eine Anzahl Betttücher, die angeblich zur Weitergabe an eine hospitalisierte Bekannte gedacht waren. Die Rechnung ging auf. Wie gewöhnlich wurde auch dieses Paket von  De Tracys Behörde konfisziert und anscheinend ungeöffnet der Vernichtung zugeführt. Gilbert-Martin warf  De Tracy daraufhin Amtsanmaßung  und einen widerrechtlichen  Eingriff in  seine Privatangelegenheiten vor und setzte ihn ob der Vermutung, dass er nun anscheinend sogar ein rektales Einlaufgerät für eine Bedrohung der staatlichen Ordnung halte, dem öffentlichen Spott aus.


Le Don Quichotte No. 166, 24.08.1877:  Jacques de Tracy (photographie en pied)

Le Don Quichotte, No. 167, 31. 08.1877: Le Clysopompe subversif


Fäkale Anspielungen gehörten zum Grundregister karikaturesker Diffamierungsstrategien und das Klistier zu den bekanntesten Attributen der Karikaturbewegung. Mit der Aktion „Subversive Klysopumpe“ war  es Gilbert-Martin  gelungen, dem verhassten Zensor einen vernichtenden Gesichtsverlust beizufügen. Im Verlauf der  Oktoberwahlen, in denen De Tracy  dann unterlag, wurde die Klysopumpe gezielt als Symbol und als Schlachtruf der Opposition eingesetzt.

Das Ende  De Tracys bedeutete allerdings noch nicht das Ende der Repressionen gegen das Karikaturblatt. Im Gegenteil. Völlig desillusioniert sah sich Gilbert-Martin gezwungen, seine karikaturabstinente Kampagne  noch eine Weile fort zu setzen. Der Fall De Tracy hatte jedoch  auch in den Augen der Obrigkeit gehörige Zweifel  über den Sinn und die Wirksamkeit von Pressezensur aufkommen lassen. Vier Jahre später wurde denn auch die Schere der Anastasia in Frankreich ad acta gelegt; aus dem visuellen Widerstandsvokabular  der politischen Karikatur wurde in der Folge dann ein Waffenarsenal „moderner“ Kunst.

Le Don Quichotte, No. 176, 02.11.1877:  Le Trois Coleurs

Le Don Quichotte, No. 177, 09.11.1877:  De Profundis !

Le Don Quichotte,  No. 179, 23.11.1877: Le Feuille de Vigne



1 Claude Monet beispielsweise startete seine künstlerische Karriere zur gleichen Zeit  wie André Gill und Alfred le Petit, und zwar als Karikaturist.

2 Charles Pitou: „Charles Gilbert Martin“, Les Hommes d´Aujourd´hui 6 (n. 312), zitiert nach:  Goldstein, Robert Justin: Censorship of Political Caricature in Nineteenth-Century France, Kent 1989 , S. 51



In der Sammlung des MePri:

Primär:

Einzelne zensurrelevante Blätter aus  La Caricature, 1832-  35 (hrsg. Charles Philipon)
Sowie umfangreiche Bestände zensierter Karikaturmagazine aus dem Zeitraum 1868 – 77:
La Lune, L Eclipse, La Lune Rousse, Le Grelot und Le Don Quichotte
Die Boss Tweed-Kampagne von Thomas Nast in Ausgaben von Harper´s Weekly,  1868 -71

Sekundär:

Le Rire. Paris, Jhg. 1901 (der Band enthält eine umfangreiche illustrierte Geschichte der Zensur und Karikatur)
Paine, Albert Bigelow:  Thomas Nast , his periode and his pictures. New York 1904
Keller, Morton The Art and Politics of Thomas Nast. Oxord 1968
Goldstein, Robert Justin. Censorship of Political Caricature in Nineteenth-Century France, Kent 1989
Rütten, Raimund  hrsg.: Die Karikatur zwischen Republik und Zensur. Bildsatire in Frankreich 1830 bis 1880 - eine Sprache des Widerstands? Marburg 1991
Valmy - Bauysse, Jean: André Gill, L Impertinent. Paris 1991
Bezucha, Robert J. ed.: The Art of the July Monarchy: France 1830 to 1848. Columbia / London 1992
Reichardt, Rolf  hrg.: Französische Presse und Pressekarikaturen 1789 – 199.  Mainz 1992
Summers, Mark Wahlgren: The Press Gang: Newspapers and Politics, 1865-1878. Chapel Hill, 1994
Bosch-Abele, Susanne: La Caricature 1830 -1835 : Opposition mit dem Zeichenstift. Gelsenkirchen 2000
Kerr, David S.: Caricature and French Political Culture 1830-1848 (Charles Philipon and the Illustrated Press). Oxford 2000
Adler, John / Hill, Draper: Doomed by Cartoon. How Cartoonist Thomas Nast and the New York Times Brought Down Boss Tweed and His Ring of Thieves. New York 2008