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Interview mit Fritz Panzer: Das Experiment der “Berliner Zeitung”

Von Oktober 1998 bis Ende 1999 erschienen in der “Berliner Zeitung” unter dem Titel “Stadtblicke” in unregelmäßigen Abständen Zeichnungen des österreichischen Künstlers Fritz Panzer, die dieser im Auftrag der Redaktion an ganz unterschiedlichen Orten der Hauptstadt zu Papier gebracht hatte.

Fritz Panzer im Interview mit Alexander Roob

Alexander Roob: Du bist ja als ein Künstler, der sehr stark vom Skulpturalen her kommt, nicht unbedingt prädestiniert für einen Job als Reportagezeichner bei einer Zeitung. Wie ist es zu dem Auftrag der Berliner Zeitung gekommen?

Fritz Panzer: Vor dem Projekt mit der Berliner Zeitung habe auf dem Land gelebt und ab 1988 kontinuierlich, fast wie ein Landvermesser, diese Gegend gezeichnet. Die Landschaft war sozusagen mein Arbeitsfeld, wie ein riesiges Atelier, in dem zeichnend beobachtet und vemessen wird. Das brachte auch eine neue Sicht mit sich auf das, was vertraut und gewohnt war. In Prenning, wo ich meine Werkstätte hatte, habe ich auch kontinuierlich den Innenbereich gezeichnet. Da entstanden unzählige kleine Blätter zum Beispiel von der Küche, die dann auch Grundlage waren für die Entstehung einer großen Drahtskulptur, der “Prenninger Küche”. In meinen Skulpturen gehe ich eigentlich meistens von einem Moment der Reportage aus. Sie beziehen sich oft auf konkrete Situationen, die ich an einem bestimmten Ort vorgefunden habe wie beispielsweise in meiner Drahtskulptur mit dem Titel “14 h 30”. Da war es ein LKW, ein Mercedes 406, der vor einem Baum parkte. Oder neuerdings die Situation einer Rolltreppe mit abgestelltem Pappbecher, die ich in Wien in der U-Bahnstation Spittelauerlände vorgefunden hatte. Ich halte mich mit den Linien des Drahtes genau an das, was ich sehe, messe einzelne Teile auch ab.

Fritz Panzer – Prenninger Küche, Drahtskulptur, 2002 (photo: Wössner)

Michael Maier, der damalige Chefredakteur der Berliner Zeitung kannte diese Zeichnungen und so ist gemeinsam die Idee entstanden, das in Berlin zu versuchen. Bei einem Berlinbesuch lud er mich ein für ihn zu arbeiten. Maier wollte die Zeichnung, die in der Zeitung nur in der Form der politischen Karikatur und den Comicstreifens präsent war, als grafisches Element wieder verstärkt einbringen, wie es z. B. in der spanischen Zeitung El Pais der Fall war.
Unser Konzept war, daß ich mich in Berlin in erster Linie mit Architektur beschäftige und Strukturen herausarbeite. Das hätten Ornamente, einzelne Fragmente von Bauten sein können. Eine Symbiose aus Teilstücken , die über die Stadt etwas aussagen. Dazu ist es aber nicht gekommen, für die Redaktion mußten es Szenen mit Menschen sein, was ich als Herausforderung gerne angenommen habe.

Roob: Wie kann man sich deine Arbeit dort vorstellen? Wurdest du von der Redaktion zu verschiedenen Schauplätzen geschickt wie ein Fotograf oder hast du weitgehend frei gearbeitet?

Panzer: Nur in wenigen Fällen gab es Vorgaben: z. B. die Ausstellung zum geplanten Holocaustmahnmals, oder ein Imkertreffen. Einmal mußte ich an den Müggelsee, wo innerhalb eines Sozialprojektes ein altes Segelschiff nachgebaut worden war. In der Regel sind die Motive allerdings von mir gekommen. Einge Male wurde ich zusammen mit einem Fotografen geschickt und in einem Fall, der Ausstellung des Mahnmalprojekts, wurde meine Zeichnung  sogar der Fotografie vorgezogen.

 

Aus: Berliner Zeitung, 05.09.1998

Roob: Wie sind die begleitenden Textzeilen entstanden? Hast du die Autoren mit Ideen und Informationsmaterial versorgt oder waren das freie Assoziationen zu den Bildern?

Panzer: Die Texte wurden meistens kurz vor Redaktionsschluß von irgendeinem der Redakteure verfaßt. Eine Abstimmung mit mir gab es in der Regel nicht. Dadurch sind sie auch ganz unterschiedlich ausgefallen. Die Stadtblicke hatten auch keinen festen Platz im Layout der der Zeitung und sie sind auch nicht regelmäßig erschienen. Hier glaube ich liegt auch die Schwachstelle, daß wir uns nämlich zu wenig Gedanken gemacht hatten wie wir diese neue Sache dem Leser vermitteln.

Roob: Deine Zeichnungen fügen sich ja in ihrer suchenden Störrigkeit und ihrer plastischen Wucht nicht ohne weiteres in das Layoutgefüge einer Zeitung ein. Sie erfordern im Gegensatz zu den Cartoons und den Fotografien, an die der Zeitungsleser gewöhnt ist, ein relativ hohes Maß an Einlassung. Manchmal sind sie auch gar nicht so einfach zu entziffern. Hast du diesbezüglich irgendwelche Resonanz erfahren von der Redaktion selbst und auch von der Leserschaft?

Panzer: Von der Leserschaft sind mir keine Kommentare bekannt. Für die Redaktion war es vor allem wichtig, daß auf den Zeichnungen Menschen vorkommen. Der “Waschsalon” kam zum Beipiel gut an, oder belebte Szenen in Lokalen.

Roob: Dabei sind deine Plastiken und Malereien in der Regel von einer Absenz der menschlichen Figur bestimmt. Wie bist du mit der Herausforderung klargekommen?

Panzer: Das war anfangs schwierig für mich. Ich mußte mir regelrecht ein Übungsprogramm verordnen. Die Basketballspiele in der Max Schmelinghalle in Berlin waren genau das Richtige, um schnelle Bewegungen mit dem Zeichenstift zu verfolgen. Da bin ich des Öfteren hingegangen. Oder auch die Feuerwehrstation Prenzlauerberg , wo ich bei der Hektik eines Einsatzes zeichnete.

Roob: Kannst du etwas zu der Vorgehensweise deines Zeichnens vor Ort sagen? Produzierst du viele Einzelskizzen? Die Zeichnungen sehen eher aus als wären sie Destillate eines Ortes. Sie wirken sehr konzentriert und verdichtet.

Panzer: Ich bin meistens öfter an einen Ort hingegangen, auch um genügend Material zu sammeln. Beim Zeichnen von Figuren in Bewegung habe ich übrigens festgestellt, daß sich bestimmte Abläufe wiederholen. So kann man zum Beispiel mit der Fertigstellung einer Zeichnung oft abwarten bis das betreffende Körperteil, das man gerade festhalten will, die Hand z.b. innerhalb eines Bewegungsablaufs wieder die alte Haltung einnimmt. Beim Aufzeichnen von Passanten in schneller Bewegung ist das in einer anderen Form auch möglich: vom einen erhascht man zum Beispiel den Kopf und wartet dann auf den nächsten, um den Rumpf zu zeichnen und so weiter.

Roob: Zeichnen ist ja eigentlich ein sehr intimer Vorgang und der Schritt aus der  Abgeschlossenheit des Ateliers hinein in das belebte Umfeld einer Stadt ein Beträchtlicher. Wie war das für dich? Hat es dich Überwindung gekostet?

Panzer: Anfangs schon. Da zeigten meine Zeichnungen vor allem die Rückenansicht von Personen. Mein Zeichenblock war zwar klein, aber die Leute kriegen sofort mit, daß sie gezeichnet werden. Auch wenn man das sehr verhalten macht. Zu sagen, daß man für eine Zeitung arbeitet, beunruhigt die Leute eher. Sagt man hingegen, daß man Zeichner ist, Beobachter des täglichen Lebens, Zeitzeuge, dafür haben die meisten in Berlin, wo sich alles schnell verändert, Verständnis.

Zeichungen für die Rubrik “Stadtblicke” der Berliner Zeitung, Berlin 1998/1999

Roob: Wer hat die Auswahl der Zeichnungen für den Abdruck besorgt? Hast Du das selbst gemacht oder hat ein Bildredakteur aus einer Vielzahl von Arbeiten die ihm passende ausgesucht?

Panzer: Ich hatte meistens von einem Ort eine grössere auswahl an Arbeiten zur Verfügung. Davon habe ich dann in etwa 10 Blätter in die engere Auswahl genommen, die ich dann dem Redakteur des Lokalteils ausgehändigt habe.

Roob: Dass Künstler vor Ort zeichnen und sich gar auf ein Reportageprojekt einlassen war zu der Zeit, als du für die Berliner Zeitung gearbeitet hast die große Ausnahme. Hattest du irgendwelche Vorbilder dabei, Bernard Buffet beispielsweise, den wir ja beide sehr schätzen?

Panzer: Ich kann nicht sagen ob es für mich dabei konkrete Vorbilder gab.
Sicher ist, daß die Fluchtbewegung aus dem Atelier auch wichtig war, um einstudierte Formen, Fixierungen, festgefahrene Begriffe über Kunst los zu werden und wieder einen lebendigeren Zugang zur eigenen Arbeit zu finden.
An Bernard Buffet gefällt mir, daß er sich über sakrosankte Kriterien der Moderne hinweggesetzt hat und daß er dabei, wie mir scheint, ziemlich
angstfrei agiert hat.

Roob: Hat diese einjährige Arbeit an den Stadtblicken eine Auswirkung auf Deine weitere künstlerische Entwicklung gehabt?

Panzer: Heute im Rückblick sind diese Stationen meiner Arbeit – 1970 die Kartonplastiken, die Rekonstruktionen von Gegenständen im Maßstab 1:1 waren, um 1990 das Zeichnen vor Ort, dann die Fortsetzung in Berlin mit den Stadtblicken – ganz wichtig gewesen, um für mich klar zu stellen, wo ich den Schwerpunkt für meine Arbeit setze. Eine Drahtskulptur wie “Rolltreppe” beispielsweise wäre ohne diese Erfahrungen nicht möglich gewesen.

Rolltreppe, Drahtskulptur, 2006 (photo: Heinz Cibulka)

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