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Das neue Fleisch (MePri-Ausstellung )

Die Ausstellung “Das neue Fleisch” des Melton Prior Instituts fand vom 13. September bis 18. Oktober 2013 in dem Ausstellungsraum “after the butcher” (Spittastraße. 25, 10317 Berlin) statt.

Die von Clemens Krümmel zusammengestellte Ausstellung war schon lange geplant – nicht zuletzt aufgrund der inhaltlichen Affinität mit einem der Betreiber, Thomas Kilpper, der in seinem Werk unter anderem auch eine zeitgenössische Form des gigantischen Holzschnitts betreibt. In die Holzböden historisch bedeutsamer Bauten – zuletzt etwa in der Kantine der ehemaligen Berliner Staatssicherheits-Zentrale – schneidet er spekulative Gruppenporträts politischer Individuen. Die Böden dienen in der Folge als riesige Druckstöcke, von denen mit großen Walzen Drucke abgenommen werden.

Felix Reidenbach „die niedlichen: Unter den Tätern waren auch Frauen und Kinder“ 2009

“Das neue Fleisch” kombiniert Materialien des Melton Prior Instituts, bei denen es sich zumeist um pressezeichnerische Darstellungen von Schlachthöfen handelt – neben Kriegen und Katastrophen waren diese Einrichtungen bei Bildreportern ganz besonders beliebt, ließen sie sich doch als aufklärerische Darstellungen der karnivoren Gesellschaften der Moderne sehen, die das massenhafte Schlachten von Tieren bisweilen als “Krieg im Frieden” apostrophierten. Unnötig zu sagen, dass industrielle Schlachtereien immer wieder das metaphorische Reservoir bei der Beschreibung der Massenvernichtungskriege im 20. Jahrhundert lieferten. Doch über die historische Referenz hinaus soll Fleisch in dieser Ausstellung als Metapher für die Krise des materiellen Geschichtsbildes und des Besitzes am eigenen Körper und am eigenen Leben behandelt werden.

Aussenansicht after the butcher, Berlin-Lichtenberg

In den Bildproduktionen der industriellen Revolution – illustrierten Magazinen und Zeitungen, Plakaten, Flugblättern und Büchern ab Mitte des 19. Jahrhunderts – gab es eine deutliche Häufung von zeichnungsbasierten, reportagehaften Illustrationen zu Kriegsthemen. Dazu zählten aber auch detaillierte, zum Teil durchaus aufklärerisch gemeinte Darstellungen eines anderen riesigen Industriekomplexes: der Fleischindustrie. Diese wurde in der Bildpresse als Gradmesser der technologischen Macht von Industrienationen präsentiert, wurde aber auch schon früh wegen ihrer kalten Grausamkeit als “Krieg im Frieden” apostrophiert. Diese Tradition tritt in der Ausstellung durch eine Auswahl aus Darstellungen des 19. Jahrhunderts, aus The Graphic und Harper’s Bazaar (Seiten aus den Jahren ca. 1870 bis 1880) in Erscheinung.

Harper’s Weekly 1883 (MePri-Coll.)

Mit ihrem Titel „Das neue Fleisch“ bezieht sich die Ausstellung auf das Motto von David Cronenbergs visionärem Medienschocker „Videodrome“ (1983), indem auf damals wie heute sehr verstörende Weise die Grenzen zwischen „eigentlichen“ und „medialen“ Wirklichkeiten eingerissen wurden: „Long live the new flesh!“. Mit „the new flesh“ war ein Substrat körperlicher Erlebniswirklichkeit gemeint, für das die wechselseitige Durchdringung des menschlichen Körpers und des Reichs der Medienbilder zu einer neuen kulturpessimistischen Wirklichkeitsmetapher ernannt wurde.

 „Das neue Fleisch“ bei „after the butcher“ spielt über sehr unterschiedliche Beiträge ein ähnliches metaphorisches Szenario durch, in dem immer wieder Parallelisierungen von Bildindustrie und Fleischindustrie erscheinen. Wie Fleisch zum Bild wird, wie es ins Bild gesetzt wurde und wird, ist daher eher der vordergründige Bestand der Ausstellungsbeiträge. Fleisch wird in vielen Bildformen gezeigt, doch bleiben dabei etwa reportagehafte Bilderserien wie die von Alexander Roob oder Xiaopeng Zhou nicht in einem buchstäblichen Realismus stecken – auf je eigene Weise, mal mehr zur eigengesetzlichen ”Bilderschrift“ (Roob, 1998), mal zum analytischen ”Close reading“ (Zhou, 2013) neigend. Beide Reportagen sind in wochenlanger Zeichenarbeit an konkreten Orten – einem Schlachthof und einer Metzgerei – entstanden, und doch kommen beide zu vollkommen anderen Ergebnissen. Das Medium des Comics hat sich vor allem seit den frühen 1990er Jahren wieder stärker auf autobiografische Perspektiven konzentriert – dieser wertvolle Bestandteil avancierter zeitgenössischer Bildnarration wird hier durch die Picture Story „Kentucky Fried Funeral“ (1992) aus dem Werk des in Seattle lebenden Zeichners Michael Dougan repräsentiert.

Alexander Roob, Dierk Schmidt, Robert Estermann

Xiaopeng Zhou

Xiaopeng Zhou, Handwaschanleitung in der Metzgerei / Michael Dougan, “Kentucky Fried Funeral”, 1992

Dierk Schmidts Bild “Are the situations comparable?, II” (Öl auf Teichfolie, 2013) verbindet als Epilog auf die frühere, heutige Möglichkeiten eines Historienbilds reflektierende Bildserie “SIEV-X” (Städel, Frankfurt am Main) zwei sehr unterschiedliche historische Ereigniszusammenhänge. Zeigt die linke Bildhälfte ein Zitat aus den Vorstudien nach Leichenteilen, die Théodore Géricault für sein epochales Historienbild “Das Floß der Medusa” mit extremem Realismus angefertigt hat, um mit dem eigentlichen Gemälde das Äußerste an moralischer Parteinahme zu erreichen, so ist die rechte Hälfte das malerische Zitatkürzel nach einer Pressefotografie, die im Zusammenhang der Strandung eines Flüchtlingsbootes bei Catania an der sizilianische Küste im August diesen Jahres entstand. Die besondere Bedeutung der je dem thematischen Gehalt des Bildes angepassten Materialität auch dieses Folienbildes wird durch die Konfrontation mit einem abstrakteren, signalgelben “Noppenbild” Schmidts aus dem Jahr 1992 herausgestellt, bei dem die mit Bitumen-Noppen versehene Leinwand die späteren materialbezogenen Reflektionen anzukündigen scheint.

Dierk Schmidt, “Are the situations comparable?, II” (Öl auf Teichfolie, 2013)

Monika Baers Bild “Loot” (2007) war eine der Inspirationen für diese Ausstellung: das lakonische Bild des leicht versetzten Herabfallens einer Goldmünze und einer Schinkenwurstscheibe, das wie das protomarxistisches Traumgesicht eines trunkenen Isaac Newton erscheinen mag, könnte (wenn es nur wollte!) mit seiner schieren Brillanz eine ganze Reihe der in den letzten erschienenen Grundsätzlichkeitsorgien einer mit konjunkturellen Hintergedanken agierenden “Malereidebatte” ersetzt haben. Die Frage ‘Was fällt schneller – Fleisch oder Geld?’ wird hier nicht experimentell beantwortet werden können – der Bildaufbau macht klar, dass wir für die Beantwortung dieser Frage zu spät kommen.

Monika Baer, “Loot”, 2007

Einen zentralen thematischen Komplex innerhalb der Ausstellung bildet der Beitrag des Grafikers und Illustrators Felix Reidenbach, der vielen noch als Erfinder der “niedlichen”, jenes linguistisch und bildtheoretisch anspruchsvollen Comics, der während der 1990er Jahre regelmäßig in der Kölner Musikzeitschrift Spex erschien. Nach fast fünfzehn Jahren bieten die von Reidenbach als 3D-Grafiken geschaffenen Bildfolgen und Einzelbilder Gelegenheit zu einer Wiederbegegnung – oder zu einer neuen Bekanntschaft. Den Kern der hier arrangierten Arbeiten Reidenbachs bilden zwei Produktzusammenhänge – zum einen die hypothetische “FleischCard”, mit der eine höchst aktuell wirkende Bundesregierung auf Klimawandel und Fleischverknappung reagieren will, mitsamt routinierter  Durchreichung des Themas durch Fernsehen, Internet und Printsektor, zum anderen das mit der werblichen Postproduction der jüngsten Finanzkrise befasste Bankhaus André Wange. Dazu gesellen sich weitere fleischbezogene bildliche Spinoffs: eine film- und genrehistorisch gesättigte Étude über einen Protagonisten weltweiter Ausbeutung durch Franchise-Fleischdistribution, ein Blick in das unter anderem für das jüngst erfolgreich gezüchtete Kunstfleisch verantwortliche Genlabor XU, sowie zwei doomige LandschaftsIdyllen, in denen besonders deutlich wird, dass “die niedlichen” schon immer an der Grenze zwischen menschlichem und animalischem Leben zu finden waren. Zur Ausstellung ist eine limitierte Incentive-Free-Version der neuen FleischCard hergestellt worden, zudem eine noch weitaus limitiertere und signierte Vorzugs-FleischCard Gold-Edition.

Felix Reidenbach, “Unter den Tätern waren auch Frauen und Kinder”

Zwei Werke von Robert Estermann geben der Ausstellung eine plastische und zugleich zeichnerische Fassung eigener Art: “Clay Class and Speculative Plane” (2013) besetzt einen Teil des Ausstellungsraum mit plastischen, fleischähnlichen Gebilden, von denen einige noch nicht den Zugang zu der höheren Ebene des organisch designten Tischs geschafft haben. “Reflections on windowpanes in cartoons” (2013) besetzt die Fensterscheiben des Ausstellungsraums mit geniegten Doppellinien, die an die stilisierten Schraffuren denken lassen, wie man sie zur Kennzeichnung eines durchsichtigen, aber materiellen Gegenstands in der Sprache von Comics und Cartoons verwendet. I Zusammenhang der Ausstellung werden sie aber auch zu Anführungszeichen, die die Grenze zwischen eigentlichem und uneigentlichem, realem und symbolischem Raum markieren. Diese dünnen, vielleicht sogar übersehbaren Linien werfen ihre Schatten auf die ungestalte Szenerie des Fleischtischs.

Das Künstlerduro Gregory Maass und Nayoungim, das seit einigen Jahren gemeinsam auch die legendäre Kim Kim Gallery in Seoul betreibt, har als Supraporte-Detail eine Kreuzung aus Spazierstock, Nunchak und Salami beigesteuert.  Als einzige im engeren Sinne fotografische Arbeit ist in der Ausstellung ein jüngeres Werk von Michael Clegg und Martin Guttman zu sehen – die Künstler sind durch ihre analytischen Gesellschaftsporträts weit bekannter sind als für Bilder wie das blutrote Rippenstück vor Alufolienhintergrund in dieser Ausstellung. Ein filmisches Zitat – eine kurze Passage aus Alain Tanners Film “Jonas qui aura 25 ans en l’an 2000” (1976) – erhellt am Ende der Ausstellung im Rahmen einer Unterrichtsstunde die Zusammenhänge zwischen Zeit, Geschichte, Evolution – und Blutwurst.

Gregory Maass & Nayoungim / Felix Reidenbach / Alain Tanner (Filmausschnitt auf dem Monitor) / Xiaopeng Zhou

AFTER THE BUTCHER. Das ebenerdige Ladenlokal in dem zwischen 1870 und 1875 in Berlin-Lichtenberg errichteten Gebäude, in dem seit 2007 after the butcher von Franziska Böhmer und Thomas Kilpper als Raum von Künstlern für Künstler betrieben wird, war ab den 1960er Jahren einmal Teil einer Metzgerei. Während und bis kurz nach der DDR waren dort und im Hinterhaus etwa fünfzehn Angestellte tätig, die wöchentlich bis zu 20 Tonnen Fleisch verarbeitet und Wurstwaren für die Kantinen diverser volkseigener Betriebe produziert haben.

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